Wie wird man Traditionsverein?

Woher kommt, was die einen von den anderen Clubs unterscheidet?

Choreo in Frankfurt

Tradition ist einer der hochheiligen Werte deutscher Fußballfans. Wird ein Verein öffentlich als Traditionsverein wahrgenommen, ist er fein raus. Wenn es dann gegen vermeintlich weniger traditionsbehaftete Kontrahenten um den Aufstieg geht, gegen den Abstieg oder um Pokalerfolge, genießt der Traditionsverein bei neutralen Fans in der Regel einen ordentlichen Sympathie-Vorsprung. Aber wann ist ein Verein ein Traditionsverein?

“Traditionsverein kann nicht jeder sein.” In Frankfurt schätzt man, was man hat.

Bei anderen Dingen ist das klarer geregelt. Hat ein Auto 25, 30 Jahre auf dem Buckel und entspricht es annähernd dem technischen Originalzustand, darf der stolze Besitzer es einen Oldtimer nennen. Legt man diese Maßstäbe für Fußballvereine an, gerät man jedoch schnell ins Stocken. Bei Vereinsfarben, Wappen, Stadion oder anderen Insignien eines stolzen Traditionsclubs besteht bei den wenigsten Clubs Originalzustand. Die meisten aktuellen Erstligisten wurden zur vorletzten Jahrhundertwende gegründet und durchliefen zunächst x Fusionen und Abspaltungen, bis sie überhaupt ihren heutigen Namen trugen. Vereinsfarben und Wappen entwickelten somit erst im Laufe vieler Jahrzehnte, Stadien wechselten mehrfach ihren Standort und noch häufiger ihren Namen. Viele Profivereine sind ja nicht mal mehr Vereine sondern Wirtschaftskonstrukte wie AGs, KGs oder GmbHs.

Ebensolche Proficlubs werden wohl zu einem Traditionsclub, wenn sie schon eine Vielzahl der nunmehr 50 Bundesligajahre mitgemacht haben und im besten Falle irgendwann mal einen bedeutenden Erfolg errungen haben – oder zumindest nah dran waren. Eine lange Zugehörigkeit in den zuvor existierenden Oberligen ist da auch immer sehr hilfreich. So wird beispielsweise immer noch bei Westfalia Herne von einem Traditionsclub geraunt, obwohl der schon von der Bildfläche verschwunden ist, noch bevor er überhaupt Traditionsclub werden konnte.

Zudem sollten Traditionsvereine bestimmt eine gefestigte Fanszene und eine gewisse Identität entwickelt haben, der sich bestimmte Werte zuschreiben lassen. Auch sollte der Aufstieg in höhere Gefilde nicht allzu offensichtlich erkauft sein, weil der Traditionalist gerne das Bild pflegt, dass sein Verein aus sich selbst heraus, alleine mit ehrenhaften Spielern aus dem eigenen Dorf, der langjährige Bundesligist wurde, der er heute ist.

Kann demnach Bayer Leverkusen jemals ein Traditionsclub werden? Oder ist er schon einer? Lange in der ersten Liga dabei, UEFA-Cup-Sieg 1988, legendäre Spieler, eine Identität (Werkself), eine der ersten Ultra-Gruppierungen in Deutschland – der Club hat eigentlich alles. Aber dummerweise auch einen Konzern im Firmennamen, weshalb Viele wohl noch auf ewig mit der Vorstellung von Bayer 04 als einem Traditionsclub fremdeln werden.

Einer der jüngsten Vereine in der Bundesliga hingegen ist der 1. FC Köln. Erst 1948 gegründet wird aber wohl niemand in Frage stellen, dass der Bayer-Nachbar einer der ganz großen Traditionsvereine in Deutschland ist. Er darf sicherlich das zentrale Argument zu Felde führen, warum er sich einen Traditionsverein nennen darf: Gründungsmitglied der Fußball-Bundesliga. Gleich sechs dieses elitären Zirkels spielen aktuell in der 2. Bundesliga. Neben dem FC noch die beiden Mitabsteiger aus Kaiserslautern und von Hertha BSC. Dazu Eintracht Braunschweig, der MSV Duisburg und 1860 München. Zusammen mit dem FC St. Pauli, wo man sich lieber Kult als Tradition ans Revers heftet, Dynamo Dresden, Union Berlin und dem VfL Bochum trennen sie die 2. Liga in eine Zwei-Klassen-Gesellschaft in Sachen öffentlicher Wahrnehmung. Hier die arrivierten Traditionsclubs, da die Emporkömmlinge aus der (Fußball-)Provinz wie die Aufsteiger aus Aalen, Sandhausen und Regensburg. Dazu Ingolstadt, Paderborn und mit ein bisschen bösem Willen auch noch Aue und Cottbus.

Die werden zu Recht sagen „Na und?“ und darauf verweisen, dass – gerade in Bezug auf die drei Absteiger – eine lange Tradition aktuell nur eines bedeutet: zu viel Zeit um zu viel falsch zu machen.

Bild: imago

 

2 Kommentare zu “Wie wird man Traditionsverein?

  1. Ja, für diese Nachbarschaft kann man leider nichts. Das ist fast wie mit der Familie…

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