EM 2012: Wie auf dem Schulhof

Balotelli klaut Badstuber das Butterbrot. Und verprügelt ihn dafür.

Balotelli und Lahm

Kurz keimte noch die ganz große Hoffnung auf. Die Hoffnung, mal eines dieser „Jahrhundertspiele“ zu erleben, wie es sie scheinbar nur in der Generation unserer Väter gab. Partien wie eben das WM-Halbfinale 1970, das 3:4 gegen – natürlich – Italien.

Auch gestern lag Deutschland schnell mit 0:2 hinten, hatte bis dahin aber mehr als deutlich gemacht, dem „Angstgegner“ jederzeit ein, zwei, drei Tore einschenken zu können. Die beiden besten Chancen, Mats Hummels´ Kopfball und Sami Khediras Gewurschtel, waren zwar Zufallsproduktionen, wie Mesut Özil und Kollegen aber anfänglich durch Italiens Sechzehner doppelpassten und hackentricksten, das ging gegen die italienischen Bollwerke früherer Tage so nicht. Das machte Mut.

Zwei Welten prallen aufeinander: der brave Philipp und der nicht ganz so brave Mario. Mit klarem Ausgang. Balotelli geht ab, Lahm zuppelt sich irritiert an der Hose.

Doch da waren Antonio Cassano und Mario Balotelli. Sie brauchten derlei Spielereien nicht. Geradlinig und entschlossen bogen sie die Verhältnisse ganz schnell zurecht. Cassano und Balotelli, diese Rowdies. Wären sie als Kinder mit Lahm, Hummels und Badtstuber auf die gleiche Schule gegangen, sie hätten diesen braven Strebern wohl täglich gezeigt, wer am Schulhof das Sagen hat.

Sie wären wahrscheinlich früher oder später von der Schule geflogen, aber sie hätten den Dreien regelmäßig Butterbrot, Sammelkarten und Turnschuhe geklaut. Und sie dafür noch verprügelt.

So haben sie gestern auch Fußball gespielt. Balotelli mit dem Selbstbewusstsein eines Schulhofschlägers, der zweimal sitzengeblieben und deswegen älter und stärker ist als alle anderen. Cassano mit der Abgebrühtheit eines Kindes, das in einer Eckkneipe großgezogen wurde.

Dummerweise spielte die jüngste Mannschaft des Turniers tatsächlich wie die Diplomatensöhne. Privilegiert, technisch und spielerisch wesentlich besser ausgestattet, mit den ganz großen Versprechungen gesegnet. Doch leider überhaupt nicht geschult im Umgang mit Rückschlägen. 15 Pflichtspiele klappte alles nach Belieben – Weltrekord, Rausch, Europa lag ihnen zu Füßen. Testspielniederlagen zählten ja nicht. Auf einmal kommt aber diese ungehobelte italienische Bande daher, bestraft kleinste Fehler erbarmungslos und schubst die Bübchen in ihren schicken weißen Trikots in den Schlamm.

Jogi hat es scheinbar versäumt, seinen Jungs beizubringen, sich ernsthaft zu wehren, mal zurück zu schlagen. Wie das verwöhnte Kind, dem man sein Frisbee weggenommen hat, standen die deutschen Jungs spätestens aber der 60. Minute heulend in der Ecke, in der Hoffnung irgendjemand hätte erbarmen, irgendjemand würde helfen. Doch selbst der größte Bruder, Bastian Schweinsteiger, bekam am laufenden Band vom noch größeren Andrea Pirlo einen auf die Mütze.

So kickte Deutschland eine halbe Stunde lang, als ob es nicht nur 2:0 sondern 5:0 zurück läge. Bockig, keine Lust mehr zu spielen. Sollen die Italiener doch noch zwei, drei Tore mehr schießen, wir schmollen. Kinder, die nicht verlieren können, sind das Schlimmste. Der Elfmeter in der Nachspielzeit war dann auch nicht mehr als das kurz hingehaltene Frisbee, den die Italiener dann schnell wieder wegzogen: „Komm, hier haste. Ne, doch nicht!“

Bild: imago

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>

Login with Facebook:
Anmelden