Ruhrpott-Derby 1997: Viel mehr geht nicht

Der 19. Dezember 1997 war ein guter Tag für einen Stadionbesuch

Lehmann hat geknipst

Borussia Dortmund und Schalke 04 begegne ich mit relativem Gleichmut. Meine Sympathien schwanken da saisonal, meistens abhängig davon, welches Personal gerade jeweils zu Gange ist. Wenn natürlich ein Freund, BVB-Anhänger, fragt, ob man ihn zum Derby ins Westfalenstadion begleitet, ist man aber natürlich dabei, keine Frage. Auch ohne ein Fan einer der beiden Vereine zu sein, ist dann ein Stadionbesuch Pflicht. Zumal der Kollege stets mit Südtribünen-Tickets ausgestattet ist.

Da hat er Geschichte geschrieben: Lehmann köpfte in der 93. Minute den Ausgleich im Derby gegen Dortmund. Bild: imago

Es war der 19. Dezember 1997, übrigens auch der 88. Gründungstag der Borussia. Es war also kurz vor Weihnachten. Natürlich schon Feiertagsstimmung, natürlich Mist-Wetter, Freitagabendspiel. Alles feinste Zutaten für ein gehaltvolles Derby. Die besondere Würze lieferte aber der Umstand, dass beide Rivalen wenige Monate zuvor im Gleichschritt den vorläufigen Höhepunkt ihrer Clubgeschichten erreicht haben. Der BVB holte Champions League und Weltpokal, Schalkes Eurofighter gewannen den UEFA-Cup. Die ewigen Rivalen begegneten sich im Westfalenstadion in ihrem Selbstverständnis als Europas Führungskräfte.

Wie das Spiel im Detail war, weiß ich gar nicht mehr. Natürlich war es wild auf der Südtribüne. Vladimir Buts 1:0 hatte ein gewisser Denis Kliouev in der 75. Minute ausgeglichen. Das musste ich nachlesen, der Mann sagt mir heute herzlich wenig. Doch nur vier Minuten später schoss Andy Möller den BVB mit einem ziemlich schicken Freistoß zur erneuten Führung. Die „Süd“ war dementsprechend gut drauf und sang sich ihrem Derbysieg entgegen, als sich Jens Lehmann, damals freilich noch Schalker Schlussmann, gen Dortmunder Strafraum aufmachte.

Es sind immer besondere Momente, wenn Torhüter ihren Kasten verlassen, um noch auf einen Ausgleichstreffer einzuwirken. Bringt seltenst etwas, dafür aber das Stadion ordentlich in Wallung. Was passiert im Normalfall, wenn ein Torwart mit nach vorne geht? Er begeht übermotiviert ein Offensivfoul. Er kommt nicht an den Ball, weil das Kopfballspiel von Natur aus nicht zu seinen Kernkompetenzen gehört, oder er muss hektisch zurück hasten, weil die Ecke am Sechzehner hängenbleibt und der Verteidiger den Konter einleitet. Das sieht dann oft recht unwürdig aus. Ein Torhüter sprintet anders als ein Feldspieler und wirkt dabei irgendwie unsportlich.

93. Minute: Lehmann geht jedenfalls am langen Pfosten in Lauerstellung. Olaf Thon  tritt die Ecke von der rechten Seite, nicht sonderlich gut, eigentlich zu kurz. Am Fünfer  verlängern ein Dortmunder und ein Schalker in Co-Produktion den Ball Richtung Elfmeterpunkt, wo Thomas Linke ihn etwas ungelenk Richtung Tor bugsiert. Da taucht Lehmann auf und beweist Vollstrecker-Qualitäten. Mit ein, zwei langen Schritten kommt er an den Ball und wuchtet ihn mit seinem gelockten Haupt aus vier Metern an Stefan Klos vorbei ins Netz.

Lehmann rastet aus, seine Mannschaft ebenfalls und die Nord-Tribüne explodiert. Was um mich herum auf der Süd los war, weiß ich gar nicht mehr genau. Ich weiß, gejubelt hab ich nicht, dafür hat mich der Ausgleich an sich zu wenig berührt. Es war vielmehr die Freude darüber, gerade etwas total Abgefahrenes, Unglaubliches und vor allem Historisches gesehen zu haben. So etwas gab´s schließlich vorher nie in der Bundesliga. Und dann in diesem Spiel, bei dieser Ausgangslage. Viel mehr ging halt nicht.

Keine Ahnung, ob nochmal angepfiffen wurde, es war aber ein mehr als würdiger Schlusspunkt für ein Derby, dass es in der Konstellation wohl nicht mehr geben wird.

 

 

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