Tischtennis am Mont Blanc

Deutschlands Sehnsucht nach dem Raubein

Rummenigge und Kaltz

Ich weiß nicht, welche Diskussion am nervtötendsten ist: die, dass der Nationalmannschaft „echte Typen“ fehlen. Die, dass die Hymne nicht leidenschaftlich genug geschmettert wird. Oder die, dass die Nationalspieler zu sehr verwöhnt werden (Stichwort: Tischtennisplatte am Mont Blanc). Wahrscheinlich hängt ja auch alles irgendwie zusammen. Denn „echte Typen“ singen bestimmt auch lauthals die Hymne und spielen in ihrer Freizeit niemals Ping-Pong.

Der Beweis: Auch “Führungsspieler” spielten Tischtennis. Hier schwingen Kalle Rummenigge und Manni Kaltz im Mannschaftsquartier bei der EM 1984 die Schläger.

Deutschland hat die aufregendste Nationalmannschaft seit Ewigkeiten. Doch anstatt sich kringelig zu freuen grassiert im Land die nackte Angst. Angst, man könnte auch bei der WM 2014 trotz des riesigen Potentials wieder ohne Titel dastehen. Das Widerspricht dem typisch deutschen Effizienz-Denken und ruft das typisch deutsche Verlangen nach Führungsfiguren auf den Plan.

Historische Verklärung raubeiniger Manndecker 

Die zeichnen sich, so lässt sich herauslesen und -hören, dadurch aus, dass sie eine Mannschaft mitreißen und aufrütteln können, dass sie „vorangehen“. Sei es verbal oder allein dadurch, dass sie mal den Gegner umtreten. Letzteres wird besonders gern von altgedienten Manndeckern wie Jürgen Kohler, Thomas Berthold oder Thomas Helmer gepredigt. Das Abwehr-Raubein der Achtziger-Jahre-Schule wird so ganz wunderbar zum Erfolgsgaranten früherer Tage verklärt.

So geschehen auch beim sonntäglichen Fußball-Stammtisch auf Sport1. Helmer analysiert auf genau diesem Niveau den verlorenen Zweikampf von Wolfsburgs Naldo gegen Freiburgs Schuster vor dem 0:2 und Wontorra spielt den Steilpass: „Thomas, das hättest du doch anders gelöst!“ „Klar, Ball und Gegner wären woanders gelandet.“ Das Publikum johlt, Sehnsucht nach Vorstoppern der alten Schule.

“Balotelli nicht genügend gefoult und provoziert”

Und es ging weiter im Takt. Helmer vermisste im verlorenen EM-Halbfinale, dass Balotelli nicht ausreichend gefoult, getreten und provoziert worden wäre. Es gebe ja schließlich genügend international verständlich Schimpfwörter. Und mit einem Dieter Eilts wäre das alles sowieso nicht passiert. Tosender Beifall im Studio, aufgestellte Nackenhaare bei mir zu Hause.

Das Blöde ist: Man kann dieser Diskussion relativ wenig entgegensetzen, weil sie vollkommen hypothetisch ist. „Mit Dieter Eilts hätten wir die EM gewonnen.“ Ja, mmh. Da ist es sehr erfrischend, dass ausgerechnet derjenige in die Bresche springt, der schon als Führungsspieler auf die Welt kam: Lothar Matthäus. Die Blogger von „5 Freunde im Abseits“  zitieren einen überraschend selbstkritischen Loddar: „Wir haben auch WM-Endspiele verloren, als Breitner oder Rummenigge auf dem Platz standen, ein Champions-League-Finale mit mir und Effenberg.“

Da hat er natürlich Recht. Die andere Sache ist die, welche Lösung gäbe es für die vermeintliche Führungsspieler-Misere? In der Nationalmannschaft spielen wahrscheinlich schon die aktuell besten Leute und das auch sehr anständig. Aber es könnte ja auch ein Axel Bellinghausen Linksaußen spielen, weil er mehr „Typ“ ist als Marco Reus. Vielleicht brächte uns das weiter?

Rat bei Magath?

Weil das natürlich Unfug ist, richten sich die Blicke auf Jogi, der, so Hoeneß, die Spieler zu sehr verhätschelt. Die Spieler müssten mehr Verantwortung zeigen. Arnd Zeigler schlussfolgert in seiner heutigen kicker-Kolumne, dass Spaniens Andres Iniesta dementsprechend sein Talent dadurch vergoldet hat, dass er regelmäßig den Müll rausbringen musste.

Rat holen im Nicht-Verhätscheln könnte sich Löw bei Felix Magath, seit Jahren unbestrittener Meister dieser Disziplin. Magath machte unlängst Schlagzeilen, als er seinen Spielern nach einem Ausdauer-Lauf die Trinkflaschen ausgekippte. Das kommt im Volk gut an und zeigt Wirkung bei der Mannschaft: Sie dankt es ihm mit dem schlechtesten Saisonstart der Vereinsgeschichte. Dann doch lieber Tischtennis auf dem Mont Blanc.

Bild: imago

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