Späte Rache für Uli Stein

Wer ein großer Torhüter sein will, kassiert auch mal einen von der Mittellinie

Augenthaler

Dank frühkindlicher Prägung bin ich Anhänger von Eintracht Frankfurt. Diese Prägung begann am 30. Spieltag der Saison 1986/87 bei einem Heimspiel gegen einen aus heutiger Sicht durchaus exotischen Gegner, den FC Homburg. Wie ich einige Jahre später nachlesen konnte, tummelten sich im damals noch sehr weitläufigen Waldstadion muntere 9.800 Zuschauer, Frankfurt gewann 4:0 (Falkenmeyer, Sievers, zweimal Turowski). Aber um dieses Spiel soll es hier auch gar nicht gehen, es entpuppte sich nicht gerade als einer der großen Klassiker der Bundesliga-Geschichte.

Zunge raus und ab damit: Augenthaler schießt im DFP-Pokal 1989 gegen Eintracht Frankfurt den 1:0-Siegtreffer und gleichzeitig das Tor des Jahrzehnts. Falkenmeyer, Aumann, Kohler und Bein (v.l.) können nur erstaunt zugucken.

Ein wandelnder Klassiker hingegen ist Klaus Augenthaler. Lange Jahre das lederne Erfolgsgesicht des FC Bayern, knorriger Weltmeister-Libero von 1990 oder Vorreiter in Sachen Pressekonferenz. „Auge“ ist ein Großer. Leider gerade etwas von der Bildfläche verschwunden, aber ein Großer. Auch schoss er das Tor des Jahres 1989 und sorgte so dafür, dass eine weitere, ganz frühe Erinnerung an die Eintracht eine negative ist. Am 19. August 1989, in der ersten Runde des DFB-Pokals – damals durften Erstligisten da noch gegeneinander spielen – schnappte sich Auge in der eigenen Hälfte den Ball, trabte ein paar Meter und setzte zu einem seiner ihm typischen langen Schläge an. Nicht auf Sturmspitze Roland Wohlfarth, sondern über Uli Stein hinweg ins Tor. Gut 50 Meter, drin! Tor des Jahres, Tor des Jahrzehnts. Als Kind hab ich das mit einer gewissen Bewunderung hingenommen, auch wenn ich nicht ganz verstanden hab, warum ausgerechnet meinem Team so etwas passieren musste.

Wirklich erschüttert hat mich Augenthaler nun nicht, sonst hätte ich wahrscheinlich ein paar Jahre später viel verstörter reagiert, als es im Leverkusener Ulrich-Haberland-Stadion zum Deja-vu kam. Nicht Bayern-Klaus, sondern der Blonde Engel himself, Bernd Schuster, legte bemerkenswert nach. Er war zwar schon in einem Alter und einer körperlichen Verfassung, die nicht mehr allzu viel Engelsgleiches hergab, was er am 3. Spieltag der Saison 94/95 aber machte, hatte durchaus himmlische Züge. Nicht ganz die Distanz, die einst „Auge“ bewältigte, dafür aber umso platzierter, nahm er Maß und schoss gegen Andy Köpke, den späteren Welttorhüter, ein ähnlich absurdes Tor.

Stein und Köpke, zwei der größten Könner ihrer Zunft, überwunden aus je rund 50 Metern. Wer mir sagen kann, ob das jemals Kahn, Schumacher oder Maier passiert ist, darf sich gerne melden. Aber ich habe die These aufgestellt, dass es anscheinend für einen großen Torwart dazu gehört, sich mal von der Mittellinie einen einschenken zu lassen – je weiter, desto besser. Denn einer, der sich jüngst in diesen erlesenen Keeper-Zirkel aufgeschwungen hat, soll angeblich mal der Beste werden: Manuel Neuer. Dafür hat er den Grundstein bereits gelegt –  ausgerechnet gegen Frankfurt.

Am 12. März 2011 rächte nämlich Frankfurts Georgios Tzavellas Steins und Köpkes erlittene Schmach. Spät, aber umso spektakulärer. Nun ist Tzavellas kein Augenthaler und erst Recht kein Schuster. Auch war sein 1:1-Ausgleichsstreffer gegen Schalke alles andere als beabsichtigt. Vielmehr gebührt das Lob auch Theofanis Gekas, der wieder einmal bewies, Tore schießen zu können, ohne am Ball zu sein. Aber zu sehen, wie der sonst so limitierte Tzavellas den Nationalkeeper aus 73 Metern verlud, gab mir eine Menge Genugtuung. Gerade ist die Eintracht dabei, den hitzköpfigen Griechen irgendwohin zu verscherbeln. Ist wahrscheinlich besser, trotzdem sage ich: „Danke dafür, Schorsch!“

Bild: imago

2 Kommentare zu “Späte Rache für Uli Stein

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>

Login with Facebook:
Anmelden