Torkameras? Heb die Fahne, Tofik!

Torkamera und Legendenbildung vertragen sich nicht

Tofik Bachramov
Bachramov im Finale von Wembley

Was wäre aus Tofik Bachramov geworden, hätte es in Wembley 1966 schon Torkameras gegeben?

Geoff Hurst im Endspiel von Wembley 1966, Thomas Helmers Phantomtor gegen Nürnberg, Frank Lampards vermeintliches 2:2 in Südafrika – der Fußball läuft Gefahr, seine tollsten Geschichten zu verlieren. Weil FIFA-Boss Sepp Blatter erneut am Reformrad dreht. Schon bei der WM 2014 soll eine Torkamera ähnlichen Fehlentscheidungen und mit ihr den schönsten Aufregern der Fußballgeschichte den Garaus machen.

Ist der Fußball einerseits das ewige 11 gegen 11, so beständig ist er im Wandel. Manche Neuerungen waren ihrerzeit längst überfällig (Einwechslungen), andere sollten sich im Laufe wiederkehrender Welt- und Europameisterschaften als ganz sympathisch erweisen (Elfmeterschießen) Wiederrum andere sind zumindest diskussionswürdig (passives Abseits), andere gottlob längst wieder eingemottet (Silver/Golden Goal). Der – wohlwollend formuliert – reformfreudige Sepp Blatter setzt nun die Einführung der Torkamera nach ganz oben auf die Tagesordnung. Eine Idee, die es mit Sicherheit nicht verdient hat, in die Nähe von Torvergrößerungen, Auszeiten und Co gerückt zu werden.

Für und Wider haben gleichermaßen prominente Fürsprecher. „Wir bauen auf die zusätzlichen menschlichen Augen“, vertraut etwa UEFA-Präsident Michel Platini dem Personal an der Linie und stärkt damit die Traditionalisten, die bereits den abendländischen Untergang in eishockeyähnliche Zustände befürchten.

Weniger romantisch kommen Zeitgenossen wie Felix Magath oder Ralf Rangnick daher: Die Technik ist längst da, also her damit. Sicherlich nicht falsch. Hängen doch von gegebenen oder nicht gegebenen Toren nicht nur Spielausgänge ab, sondern von diesen auch gelegentlich Meisterschaften und Abstiege, Karrieren und Existenzen. (Nicht zu vergessen korrekte Wettscheine!) Das Millionengeschäft Fußball dürfe eben nicht von vermeidbaren Fehlentscheidungen beeinflusst werden.

„Fußball sollte sich seine Rückständigkeit zugestehen“

 Wie zumeist im Fußball ist auch diese Debatte überfrachtet von Grundfesten und großen Emotionen. Die kochen vor allem dann so richtig hoch, wenn ein ausverkauftes Stadion auf der Videoleinwand und ein Millionenpublikum am Fernseher in X Super-Zeitlupen serviert bekommen, was dem Schiedsrichter als einzig Dummen verwehrt bleibt: Ball klar drin/nicht drin. Der Schutz der Schiedsrichter wäre ein Argument, das gerade vor dem Hintergrund aktueller Geschehnisse schwer wiegen dürfte. Wo zig HD- und Ultra-Slowmo-Kameras jeden Winkel des Spielfeldes in jeder erdenklichen Perspektive einfangen, ist es ein Anachronismus, dass sich der Unparteiische und seine Linienrichter auf Augen oder Intuition verlassen müssen.

Wagt man diesen sicherlich nicht schwierigen aber bedeutsamen Schritt oder sollte sich der Fußball zum eigenen Wohle diese Rückständigkeit zugestehen? So sehr vermeintlich Gerechtigkeit Einzug in das Profigeschäft halten würde, so sehr würde es an Charme, an Dramatik an Unberechenbarkeit einbüßen. Worüber diskutiert der Stammtisch, wenn nicht über Fehlentscheidungen und vermeintlich andere Spielverläufe? Woran klammert sich der Verlierer, der einem besseren Gegner und nicht einem „blinden Schiedsrichter“ unterlegen war?

Und wer würde heute eigentlich noch Tofik Bachramow kennen? Jenen wackeren Linienrichter, der Hursts Lattentreffer im Endspiel von 1966 hinter der Linie wähnte und so einen der ganz großen Fußball-Mythen gebar. Ihm wurde posthum das Nationalstadion seines Heimatlandes Aserbaidschan gewidmet. Samt prächtiger Statue davor – feierlich enthüllt von Sepp Blatter!

Bild: Imago

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