Videobeweis: Ganz oder gar nicht

Torkameras schaffen keine Gerechtigkeit

Kamera

Partys, von denen sich der Gastgeber frühzeitig verabschiedet, sind immer so eine Sache. Als wir letztens den 30. Geburtstag eines Freundes feierten, brach der sich das Wadenbein, weil er tanzen wollte.

Kurz stand zur Befürchtung, dass Schluss mit lustig wäre, doch die Feier ging weiter: „Ihr wisst ja, wo alles steht, macht nur später das Licht aus und zieht die Tür hinter euch zu“, verabschiedete sich der Pechvogel ins Krankenhaus. Polen geht es bei der EM ganz ähnlich wie unserem unglücklichen Tänzer: Zu viel gewollt und kläglich auf der Nase gelandet.

Voller Kameraeinsatz: Beim Testspiel England gegen Belgien Anfang Juni wurde die Hawk-Eye-Kamera (hier nicht zu sehen) erstmals erprobt. Das schwarze Tornetz gehört zur Technologie.

Doch auch in den Spielorten und im Rest des Landes ist die Musik noch nicht aus: Zum einen stehen noch vier hochattraktive Viertelfinals an, zum anderen dürfen sich die Polen dafür feiern, ein bislang tolles Turnier auf die Beine gestellt zu haben.

Die Ukraine trifft hingegen nur eine Teilschuld, dass sie verfrüht die Segel streichen musste. Der Wille war da, die Leistung in Teilen auch. Jedoch gab Torrichter Istvan Vad den Partycrasher, als er der Ukraine im letzten und entscheidenden Gruppenspiel bekanntermaßen Tor und Siegchance nahm.

Damit rückte der Ungar die Einführung elektronischer Hilfsmittelchen für die Unparteiischen wieder nach ganz oben auf die Tagesordnung. In unserem allerersten Blogbeitrag vom 1. Februar haben wir uns bereits mit Für und noch viel mehr mit dem Wider von Videobeweis, Torlinienkamera etc. auseinandergesetzt. Die Vorstellungen, welche Systeme realistische Chancen auf eine Umsetzung haben, sind heute bei spiegel-online.de beschrieben: die Hawk-Eye-Kamera und der Chip im Ball. Beide würden unmittelbar und ausschließlich den Schiedsrichter über ein bestimmtes Signal informieren, dass der Ball hinter der Linie und damit im Tor war. Das klingt zunächst akzeptabel.

Aus der Einführung eines solchen Systems ergibt sich aber eine Notwendigkeit, die nicht so ohne Weiteres hinnehmbar ist. Auf der bet90-Facebook-Seite kommentiert User Eddi W. die Vorkommnisse in Donezk: „Gestern war doch DAS Paradebeispiel dafür, dass allein ne Torkamera nicht des Rätsels Lösung ist! Wie groß wäre denn bitte das Geschrei gewesen, wenn das Tor aufgrund Torkamera gezählt hätte, aber England nichts gegen das klare Abseits vorher hätte unternehmen können?! Wenn Technik, dann Fernsehbeweis für den ganzen Platz und eine Regulierung wie beim Tennis!“ Damit trifft er den Kern: Nicht nur die Tore entscheiden ein Fußballspiel. Völlige Gerechtigkeit ließe sich nur über die vollständige „Überwachung“ herstellen, die die Richtigkeit von Abseitsstellungen, Platzverweisen oder Strafstößen garantiert.

Damit wären wir bei Unterbrechungen am laufenden Band, dann wären wir – wie Eddi mahnt – beim Tennis! Weil das auch bei der UEFA niemand wirklich will, spielt laut spiegel-online die Einführung des Videobeweises aktuell auch keine Rolle. So hätten wir aber nur eine halbgare Lösung, die auf der einen Seite Gerechtigkeit schafft, im gleichen Zug aber neues Unrecht produziert. Also: ganz oder gar nicht – und am liebsten gar nicht.

Bild: imago

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>

Login with Facebook:
Anmelden