EM 2012: Kein Exklusivrecht auf “Voetbal totaal”

Am Mittwoch trifft Deutschland auf die Niederlande

Klose überspringt Mathijsen

Von mir werdet ihr in diesem Blog kein böses Wort über die Niederländer hören. Natürlich boten vergangene Spiele und auch außersportliche Aufeinandertreffen reichlich Konfliktpotential. Ich persönlich war davon jedoch wenn überhaupt nur indirekt betroffen. Dass beispielsweise Rijkaard Völler 1990 in die Locken spuckte, nahm ich als damals Siebenjähriger ihm und den Holländern an sich persönlich nicht krumm.

Beim 3:0-Testspielsieg im November in Hamburg fertigte Deutschland Holland mit 3:0 ab. Klose machte zwei Tore, eins erzielte per Kopf gegen Mathijsen.

Die letzte direkte Begegnung mit Fans der „Elftal“ hatte ich bei der EM 2008 nahe Basel auf einem – Überraschung – Campingplatz. Wir kamen nach einem packenden 3:2-Viertelfinalerfolg über Portugal zurück zum Platz, wo es sich zwischenzeitlich Oranje in gewohnter Mannstärke gemütlich gemacht hatte. Wir, freudetrunken von einem großen Sieg. Die, vorfreudetrunken wegen des nahenden Spiels gegen Russland. Die niederländische Auswahl hatte zuvor in der Gruppenphase Italien (3:0), Frankreich (4:1) und Rumänien (2:0) nach allen Regeln der Kunst auseinander genommen und durfte sich zurecht Hoffnungen auf den Titel machen.

So hatten natürlich beide Fangruppen die Größe, mit dem jeweils anderen auf tollen Fußball und große Leistungen anzustoßen. Ein direktes Aufeinandertreffen wäre eh erst im Endspiel möglich gewesen – „Wir sehen uns im Finale!“ Doch soweit sollte es nicht kommen. Nach einer kurzen Nacht traten wir am nächsten Morgen müde die Heimreise an, während sich Oranje weiter fröhlich auf das kommende Viertelfinale einstimmte. Vom heimischen Fernseher aus verfolgten wir dann also, wie furiose Russen um den überragenden Andrei Arschawin die Mannschaft von Marco van Basten in Grund und Boden stampfte. Wer hätte das zwei Abende zuvor am nächtlichen Lagerfeuer noch gedacht?

Seitdem ist viel passiert. Im Nachbarland beklagt man spätestens seit der WM 2010, dass nicht sie, sondern eben die Deutschen den „Voetbal totaal“, den leidenschaftlichen Offensivfußball alter holländischer Schule pflegen. Während Bert van Marwijk zwar erfolgreichen, aber teutonisch-pragmatischen Ergebnisfußball etabliert hat. Und nicht einmal der funktionierte zuletzt beim 0:1 gegen Dänemark.

Träfe uns irgendeine Schuld daran, hätten die Niederländer berechtigten Grund, sauer zu sein. Wäre „Voetbal totaal“ ein Exklusivrecht, das immer nur ein Land besitzen könnte, wäre es wohl ähnlich begehrt wie Trinkwasser und Erdöl. Und hätten wir es den Niederländern bei Nacht und Nebel heimtückisch abgeluchst, wären diplomatische Spannungen und Handelsembargos das Mindeste, was zu erwarten wäre.

Das ist natürlich Humbug. Aber der Holländer vermisst nun mal – und das vollkommen zurecht – seinen “totalen Fußball”. Während die Deutschen inzwischen Jedem liebend gerne unter die Nase reiben, dass sie den jugendlichsten, offensivsten und überhaupt tollsten Fußball spielen. Und weil der deutsche Fußball-Fan in Erfolgsfällen gegenüber dem „kleinen“ Nachbarn gerne zur Überheblichkeit neigt (hier ein besonders unschönes Beispiel), ist es in näherer Zukunft eher schlecht bestellt um die gemeinsamen, fröhlichen Campingplatz-Abende.

Einen wirklich fundierten Einblick in den niederländischen Fußball und die Nationalmannschaft bietet spielverlagerung.de

Bild: imago

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