Champions League im ´92er Style

Auf der Suche nach dem besten Modus

Daum, Hoeneß und die VfB-Bank 1992

Die Champions League ist in ihre 20. Spielzeit gestartet. Seit der Europapokal der Landesmeister 1992/1993 erstmals unter neuem Namen ausgetragen wurde, wird heiß über Sinnhaftigkeit, den Modus und die Teilnehmer diskutiert.

Traditionalisten sagen natürlich, so wie früher war besser: „Nur die Landesmeister, von Anfang an nur K.o.-Spiele.“ Zu viele Begegnungen, zu viel Taktiererei, zu viel Langeweile bis es endlich rauscht, sind gemeinhin die Argumente gegen eine Gruppenphase. Diejenigen, die genau für diese die Fahnen hochhalten, schätzen die garantierten sechs Europapokal-Auftritte sowie die damit verbundenen Mindesteinnahmen. Beim klassischen Modus ist es nämlich wie im DFB-Pokal: Wer in Runde 1 fliegt, ist nicht nur sportlich der Depp, er darf auch noch entgangenen Millionen hinterher trauern.

Die Bank des VfB Stuttgart beim Entscheidungsspiel gegen Leeds United in Barcelona. V.r.: Coach Christoph Daum, Manager Dieter Hoeneß, Assi Lorenz-Günther Köstner, die Spieler Uwe Schneider, Adrian Knup und Alexander Strehmel.

Vorreiter in Sachen „Sich-zum-Deppen-machen“ war in den Gründertagen der Champions League der VfB Stuttgart, der 1992 als erster deutscher Club im neuen Wettbewerb startete. Das damalige Regelwerk verlangte es – auch vom Deutschen Meister – sich für die Gruppenphase zu qualifizieren. Das schafften die Schwaben denkbar knapp mit einem 3:0-Hinspiel-Sieg und einer 1:4-Auswärtspleite gegen Leeds United.

Blöderweise schickte Meistercoach Daum im Rückspiel wenig meisterlich einen vierten Ausländer aufs Feld (Knup, Dubajic, Sverrisson und Simanic), was damals noch als mittelschweres Verbrechen galt. Die Engländer protestieren erfolgreich, die UEFA setzte ein Wiederholungsspiel an. Das gewann United dann mit 2:1, die Champions League wurde ohne deutschen Teilnehmer fortgesetzt. Wobei es natürlich Rudi Völler nicht zu vergessen gilt, der mit Marseille im Finale von München gegen Milan den Pott holte (1:0, Torschütze Basile Boli).

Zwischenrunde: Gefangen in der Endlosschleife

Im Premierenjahr gab es eine Vorrunde für die gaaanz kleinen Meister aus Irland, Färöer, Malta etc. und zwei Vorrunden für alle weiteren. Die acht Besten kamen in zwei Gruppen, die Gruppensieger direkt ins Endspiel, fertig. In der Folge nahm die Aufblähung der Champions League munter an Fahrt auf, die 1999/2000 in der Einführung einer zweiten Gruppenphase, der Zwischenrunde, gipfelte. So unbeliebt diese scheinbare Endlosschleife bei den Fans auch war, sie hielt sich bis zur Saison 2003/04, als man bei der UEFA zum vorherigen und auch heutigen System mit einer Gruppenphase und anschließenden Achtelfinals zurückruderte.

Eine Rückkehr zu „ganz früher“ würde also bedeuten, dass der BVB, der als aktueller Meister bei garantierten sechs CL-Auftritten einen zweistelligen Millionenbetrag bereits fest verbuchen darf, um diesen zittern müsste, weil in Runde eins ein Stolperstein aus Irgendwo lauert. So aber durfte der Club im letzten Jahr trotz magerer Leistungen immerhin bis zum Winter im Wettbewerb verweilen und das Geld einstreichen.

Aber UEFA-Chef Michel Platini hat ohnehin ganz andere Pläne. Er dachte im Frühling dieses Jahres laut darüber nach, das ungeliebte Stiefkind Europa League am Straßenrand zurückzulassen und die CL stattdessen auf 64 Teams aufzustocken. Das wiederum findet man beim BVB auch nicht so gut, wie Boss Watzke deutlich machte („völliger Unfug“).

Watzke führt sinnbildlich den „Tabellendritten aus Litauen“ ins Feld, den der gemeine Fußball-Fan ja nicht um jeden Preis sehen wolle. Aber Watzke hat in diesem Jahr ohnehin gut lachen, sein BVB trifft in der Vorrunde auf lauter Reißer, auf Real Madrid, Manchester City und Ajax Amsterdam – allesamt Meister ihrer Ligen, Champions League ´92er Style also.

Schon Chelseas Triumph galt als total verrückt

Jedoch schleichen sich jedes Jahr auch diese „Tabellendritten aus Litauen“ in das „Premiumprodukt Champions League“ (Watzke) ein. In diesem Jahr wären das vielleicht Sporting Braga, CFR Cluj, Bate Borissow oder Debütant FC Nordsjælland. Wenn die Dänen dann am 1. Spieltag auf Schachtar Donezk treffen, ist das „Premiumprodukt Champions League“ gefühlt ganz weit weg. Aber diese Teams haben sich ihre Startberechtigung allesamt redlich verdient und ins teils mehreren Quali-Runden vermeintlich glamourösere Teams (Basel, Udine) rausgeworfen. Wegen ihnen ein zu großes Teilnehmerfeld anzuprangern, wäre also vermessen.

Im Gegenteil. Oft sind diese Teilnehmer ja ganz charmanter Gegenpol zu den sonst immer gleichen, etwa 20 Vereinen, Gesichtern und Stadien, die man Jahr für Jahr aufs Neue serviert bekommt. Leider sind die Außenseiterchancen für die „ganz Kleinen“ eben noch kleiner, galt es doch letztes Jahr schon als total verrückt, dass das Milliardenprodukt FC Chelsea den Pott geholt hat.

Aus den letzten drei Abschnitten ließe sich vielleicht die Lösung für ein attraktives CL-Modell ableiten: Nur Landesmeister, einige gesetzt, andere müssten sich qualifizieren, so dass auch einige “Exoten” in die Runde kämen. Es gäbe vier Gruppen á vier Teams. Dann wäre die Champions League eine richtig exklusive Geschichte, besäße trotzdem ihre lukrative Gruppenphase. Es gäbe nicht diesen komischen Beigeschmack, wenn der FC Chelsea als kriselnder Premier-League-Club die Königklasse gewänne, sondern er könnte gemeinsam mit Bayern, Barca und Co die darbende Europa League aufwerten. [Update: Womit wir wieder beim leider eingemotteten Modus der CL-Saison 1994/195 wären, Dank an benditlikebender]

Aber da spricht wahrscheinlich eher der Fan in mir als der Vermarkter. Eine für alle Beteiligten vernünftige Lösung zu finden, stürzt mich jedenfalls wieder in die gedankliche Endlosschleife.

Bild: imago

6 Kommentare zu “Champions League im ´92er Style

  1. Klingt ein bisschen nach Wanderzirkus, aber warum nicht. Wegen mir kann die EL da als Versuchskaninchen herhalten, anstatt nur langweiligere Version der Champions League zu sein. Und da wir genügend potentielle “Fun Cities” in der Nähe haben, gerne. An einem Donnerstagabend Everton gegen Valencia in der Esprit Arena und eine entsprechend belagerte Altstadt – klingt charmant.

  2. Im Blizzard #4 gab es auch noch einen guten Vorschlag, wie die Europa League interessanter gemacht werden könnte. Brian Phillips, den exzellenten Run of Play-Blog betreibt, schreibt da auf Seite 149:

    “So: single-elimination matches from the first day to the final. No group stage, period. Neutral stadiums, preferably in fun cities that fans would like to visit. Clust multiple games at each site for each round, so that if you travel to see Everton play Valencia, you can stick around to see PSV play Braga.”

    Weiterhin schreibt er: Je mehr Teams, desto besser. Derzeit spielen 194 Mannschaften in der EL, warum nicht 256?

    Dafür, dass seine Idee auch finanziell erfolgreich sein kann, zieht er Vergleiche zum Ami-College-Basktetballturnier, der March Madness. 64 Spiele wurden nur auf dem amerikanischen Markt für 430 Millionen Euro verkauft, die EL hat bei 477 spielen nur 196 Millionen Euro eingenommen.

    Er schließt mit: “Less can be more.”

    Mit gefällt der Vorschlag.

  3. Wäre auf jeden Fall eine richtig üppige Aufwertung der Pokalwettbewerbe. Spannend zu sehen, ob das Auswirkungen auf das Auftreten mancher Clubs hätte, und ob sich so ein munteres Favoritensterben in Runde 1 wie in diesem Jahr wiederholen würde…

  4. Ich bin da ja Traditionalist und überhaupt nicht auf Knete gepolt. Für mich geht die “richtige” Champions League/ Europa League erst los, wenn im Frühjahr die KO-Spiele anstehen.
    Vor allem die letzten Spieltage der Gruppenphase nerven, wenn sich zwei Teams gegenseitig überhaupt nicht mehr weh tun, damit sich bloß beide weiter kommen.
    Also: Pro KO-Runde!
    Zum Thema Teilnehmer: Ein reiner Landesmeisterpokal muss es nicht zwingend sein. Evtl. werden Meister und Pokalsieger der jeweiligen Ligen in die Champions League einziehen? Wie wäre das?

  5. Ja, fantastisch. So und nicht anders, oder? Mit dem FC Avenir Beggen in der Quali und Göteborg vor Manchester und Barcelona…

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