Diskriminierung im Fußball – 1b-Ware

Am 23.09.1956 spielten deutsche Frauen gegen Holland – Trotz strikten Verbots

DFB-Frauen-Team 1982

„Es müsste nur mal jemand den Anfang machen“ heißt es immer wieder, wenn über die Möglichkeit des Coming Outs homosexueller Profi-Fußballer diskutiert wird. Die Forderung an sich ist eine einfache, die Abwägbarkeit der Folgen jedoch umso schwerer.

Einen ersten Schritt machen, gegen Unwägbarkeiten ankämpfen, das mussten auch die deutschen Frauen, als es darum ging, sich ihr Recht auf Fußball zu erstreiten. Eine nur schwer vergleichbare, aber ebenso unrühmliche Geschichte der Allianz „Fußball und Diskriminierung“. Vor 56 Jahren haben deutsche Frauen sich über sämtliche Verbote und Ressentiments hinweggesetzt und in Nachkriegsdeutschland ein erstes, inoffizielles, Länderspiel ausgetragen.

Bis zum 31. Oktober 1970 hält der DFB an seinem Damenfußballverbot fest, ein erstes offizielles Länderspiel soll erst  zwölf Jahre später stattfinden. Hier die DFB-Elf vor dem historischen Match gegen die Schweiz am 10.11.1982.

Auf der Homepage des DFB liest man davon nichts, dort beginnt die Zeitrechnung des Frauenfußballs erst 1982. Das überrascht wenig, verursacht die Beziehung des DFB zum Frauenfußball in den Jahren zuvor heute heftiges Fremdschämen. Der Werdegang des Frauenfußballs, die vielen Peinlichkeiten und unsäglichen Zitate, die sich das damalige Männer-Deutschland geleistet hat, sind bekannt und unter anderem hier nachzulesen.

Beim DFB knüpfte man jedenfalls 1955 an vergessen gehoffte Traditionen an und verbot den Frauen im Land am 30. Juli 1955 das Kicken. „Im Kampf um den Ball verschwindet die weibliche Anmut, Körper und Seele erleiden unweigerlich Schaden, und das Zurschaustellen des Körpers verletzt Schicklichkeit und Anstand“, begründete der Verband seine Entscheidung, für die er eine Studie des niederländischen Psychologen Frederic Jacobus Johannes Buytendijk heranzog, in der es hanebüchen hieß: „Das Treten ist spezifisch männlich, ob das Getretenwerden weiblich ist, lasse ich mal dahingestellt. Jedenfalls ist das Nichttreten weiblich.“

Jedenfalls dauerte es nur rund ein Jahr, in dem Frauen damit rechnen mussten, von Polizisten vom Feld gejagt zu werden, bis sich eine Auswahl zusammenschloss, um das Land, das sie nicht spielen lassen wollte, in einem internationalen Vergleich zu vertreten. Am 23. September 1956, in Essen, gegen die Niederlande. Bei allen Verboten, Frauenfußball war keine Untergrundveranstaltung. 18.000 Zuschauer kamen, um den 2:1-Sieg zu sehen. Wie viel aus reiner Schaulust, lässt sich wahrscheinlich nur schwer bewerten. „Reine Zirkusveranstaltungen waren das aber nicht. Wir haben richtigen Sport geboten. Sonst wären die Leute ja wohl kaum ein zweites oder drittes oder viertes Mal gekommen“, wird Teilnehmerin Christa Kleinhans in der FAZ zitiert.

Bis zum 31. Oktober 1970 hält der DFB an seinem Damenfußballverbot fest, ein erstes offizielles Länderspiel soll erst 1982 stattfinden. Noch sieben Jahre später überreicht der DFB den Damen zum ersten EM-Titel als Siegprämie  Kaffeeservices – 1b-Ware.

Seit ein paar Jahren darf Frauenfußball als etabliert betrachtet werden. Allerdings kommen auch keine 18.000 zu einem Länderspiel und die Zeitungen schreiben auch nicht mehr so aufgeregt wie 1956. Es herrschen Normalität und Alltag, der häufig etwas trist daherkommt. Welche Erkenntnisse lassen sich daraus für homosexuelle Fußballer ableiten? Wenige. Aber die Hoffnung, dass endlich Alltag für alle Beteiligten einkehrt. Und möge er dann noch so langweilig sein.

Bild: imago

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